Der Zerrissene 

Der Zerrissene

Regisseur Michael Gampe inszenierte den "Zerrissenen" am Theater in der Josefstadt modern. Michael Dangl spielte souverän den Herrn von Lips und konnte vor allem mit seinem Couplet im 2. Akt das junge Publikum begeistern, weil die letzten Strophen mit einem eindeutigen Zeitbezug versehen waren. Vor allem jene Strophen mit den von Lips kritisch "besungenen" Themen "Zentralmatura" und "Abschaffung des Literaturunterrichtes" ernteten viel Applaus. Martin Zauner gab einen grandios komischen Gluthammer ab.

Dokumentationsbeitrag – Der Zerrissene
Jennifer Ringhofer, 2AK Schuljahr 2014/15


Orte der Handlung: Landhaus des Herrn von Lips & Pachthöfe Krautkopfs
Zeit der Handlung: 19. Jahrhundert

In der Posse von Johann Nestroy, die von Michael Gampe inszeniert wurde, geht es vor allem um Probleme von wohlhabenden Menschen. Ihre Zerrissenheit aufgrund Langeweile und Depressionen, falsche Freundschaften und der nicht vorhandene Lebensmut oder Sinn im Leben werden
thematisiert. Die handelnden Personen sind der Millionär Herr von Lips, sein Patenkind Kathi, Pächter Krautkopf, dessen Freund Gluthammer, die egoistische Madame Schleyer, die vermeintlich besten Freunde des Herrn von Lips, Sporner, Wixer und Stifler und der Justiziarius Staubmann.

Im Landhause des Herrn von Lips findet ein Fest mit großer Gesellschaft statt. Währenddessen möchte der Schlosser Gluthammer das defekte Geländer über dem Fluss austauschen, wird dann aber wegen des Lärmes verwiesen. Als er sich zum Gehen bewegt, trifft er auf eine alte Bekannte: Die Anverwandte seines Freundes Krautkopf. Kathi, die er fast nicht erkannt hatte, bekommt einen Bericht über sein Unglück: Er wurde einen Tag vor der Hochzeit von „seiner“ Mathilde verlassen. Es seien die Gäste eingeladen gewesen, das Brautkleid und der Anzug geschneidert, das Gasthaus reserviert und der Pfarrer bezahlt gewesen, doch keiner konnte die Braut finden. Er glaubt, dass sie entführt wurde, denn er möchte nicht wahrhaben, dass ihn seine Verflossene aufgrund einer besseren Partie verlassen hat. Ihr Gespräch wird durch den Diener unterbrochen, der sie vom Haus vertreibt. Kathi, die eigentlich gekommen ist um ihre Schulden bei
Herrn von Lips zu begleichen, ist stinksauer über den Rauswurf und ist nicht bereit, das Haus zu verlassen. Doch alles Sträuben nützt nichts. Kurz darauf kommt Herr von Lips. Er erklärt sich in einem Monolog als „Zerrissener“. Er habe keine Freude am Leben, das Geld mache ihn nicht mehr glücklich, aber ohne seinen Reichtum will er auch nicht leben.
Zitat: 1 „Armut ist ohne Zweifel das Schrecklichste, mir dürft' einer 10 Millionen hinlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet's nicht.“

Da er auf der Party von seinen drei „Freunden“ Stifler, Wixer und Sporner bereits vermisst wird, suchen sie ihn auf. Er beichtet ihnen sein Leiden, stößt insgeheim bei denen jedoch auf Unverständnis. Einer der Drei meint, dass ihm die richtige Frau zum Glücklichsein fehle. Lips beschließt etwas völlig Kurioses, Verrücktes zu tun: Er möchte die erstbeste Frau, der er begegnet, heiraten. Wie vom Schicksal gewollt, kommt kurz darauf die verwitwete Madame Schleyer in das Haus gestürmt. Diese glaubt zuerst an einen üblen Scherz, kann es aber kaum glauben, als ihr das Gegenteil bewiesen wird. Lips macht der verwitweten Frau einen Heiratsantrag und gibt ihr eine Viertelstunde Bedenkzeit. Schleyer bräuchte aber gar keine Bedenkzeit, weil sie weiß, dass sie Lips seines Geldes wegen, heiraten wird. In dieser Zeit verlässt Schleyer den Raum und Schlosser Gluthammer kommt angerannt. Er erfährt, dass Herr von Lips „seine“ Mathilde heiraten will und stürmt wutentbrannt auf den Millionär zu. Die beiden rangeln und stürzen vom Balkon aus ins Wasser. Gluthammer und Lips werden von den anderen als tot gehalten. Doch Lips hat überlebt und flüchtet sich auf den Hof des Pächters Krautkopf, wo er auf die trauernde Kathi trifft. Diese kann ihr Glück kaum fassen, als sie sieht, dass er überlebt hat. Lips möchte aber unerkannt bleiben und bittet Kathi, ihm eine Stelle als Knecht auf dem Hof zu beschaffen. Kathi kann Krautkopf überzeugen und dieser stellt Lips ein. In der Zwischenzeit kommt auch Gluthammer zu seinem Freund Krautkopf auf den Hof – im Glauben der Mörder des Zerrissenen zu sein. Er bittet Krautkopf, ihn zu verstecken, was dieser aber nur widerwillig tut. Zu dieser Zeit erhofft sich Lips Hilfe von seinen Freunden, kann jedoch kaum fassen, wie diese über ihn sprechen. Es sei eine Schande gewesen, Lips überhaupt als Freund zu haben betonen die Drei immer wieder. Der ehemals millionenschwere Mann Lips ändert das Testament in einem unbeachteten Augenblick und setzt statt Sporner, Stifler und Wixer Kathi als Alleinerbin ein. Als der Justiziarius Staubmann dies verkündigt, beginnen alle um die gute Partie Kathi zu betteln. Als Kathi Lips ihre Zuneigung und den ausgedachten Fluchtplan erklären möchte, werden sie von den anderen überrascht. Sie enttarnen Lips und wollen ihn wegen des Mordes an Gluthammer einsperren. Doch Krautkopf ist der Einzige, der die Wahrheit kennt und klärt alle über die Tatsachen auf. Gluthammer und Lips leben beide, es gibt also weder Mörder noch Ermordete. Kaum haben die falschen Freunde des Herrn von Lips bemerkt, dass dieser noch unter ihnen ist, wollen sie sich wieder bei ihm einschmeicheln, werden aber vom Hof fortgejagt. Lips versöhnt sich wieder mit Gluthammer, Gluthammer weist Madame Schleyer ab und Lips gesteht die Liebe zu Kathi.
Zitat: 2„Und in mir is eine Kathilieb' erwacht. Jetzt seh ich erst, dass ich nicht bloß in der Einbildung, dass ich wirklich ein Zerrissener war, die ganze ehliche Hälfte hat mir g'fehlt.“

Zu allererst möchte ich sagen, dass dieses Stück allen sehr gut gefallen hat, weil es Themen an-spricht, die auch heute aktuell sind. Die Zerris-senheit des Herrn von Lips trifft auch heute auf viele wohlhabende Menschen zu. Lips ist so reich, dass er nicht mehr weiß, was er mit dem Geld anfangen soll. Von materiellen Wünschen wird er nicht mehr glücklich, weil er sich bereits alle Bedürfnisse erfüllt hat. Heutzutage ist es so, dass viele Reiche zu Drogenkonsum neigen, weil ihnen der Berufsstress zu Kopf steigt und sie nicht mehr weiter wissen. Das finde ich immer sehr schade, wenn manche Popstars schon ihr junges Leben aus ihren Händen geben. Wir, die Menschen aus der Mittelklasse, fragen sich immer, warum die Wohlhabenden das tun, wenn es ihnen an nichts fehlt. Doch wir wissen nie, wie es im Inneren der Stars aussieht. Manchmal sehen sie keinen Sinn mehr im Leben, wie Herr von Lips. Er fühlt sich gelangweilt und verspürt einen tiefen inneren Schmerz. Er wirkt auf uns melancholisch und depressiv. Ich denke, dass früher Depressionen kein großes Thema waren, hingegen es heute eine Art Volkskrankheit ist. Als Lips im Selbstmitleid fast ertrinkt, fällt ihm ein neues Abenteuer ein. Er braucht einen „Kick“ und den holt er sich, indem er die nächste Frau heiratet, die zur Tür hereinkommt. Auch heute ist in den Medien oft zu hören, dass viele Prominente oder Superreiche ähnliche Aktionen starten. Wenn wir uns auf Österreich beziehen, könnten wir an Richard Lugner denken. So gut wie jedes Jahr hat er abwechselnd mit verschiedenen jungen Mädchen eine Beziehung, welche seine Urenkelinnen sein könnten. Seine letzte Freundin hat er sogar nach kürzester Zeit geheiratet. Dieser Kick oder eine Herausforderung wird auch durch Extremsportarten herausgekitzelt. Partyorgien mit leicht-bekleideten Frauen sind auch typische Aktionen von Reichen, wie wir auch im Stück beobachten konnten.
Ehen zwischen Familienmitgliedern, im Stück zwischen Lips und Kathi, finden in der heutigen Zeit nicht mehr statt. Meinerseits fände ich es sehr komisch, wenn das heutzutage noch so wäre. Ich könnte mir nie im Leben vorstellen, ein Familienmitglied zu heiraten. An den Berufsgruppen des Stücks erkennt man, dass es sich um jene des 19. Jahrhunderts handelt. Sie sind veraltet, denn Knecht und Magd gibt es heute nicht mehr. Was damals, also im 19. Jahrhundert, und heute noch immer ganz gleich und topaktuell ist, sind falsche Freundschaften. In der Posse konnte es Lips kaum glauben, wie seine angeblich „besten Freunde“ über ihn redeten. Er musste einsehen, dass die Drei nur auf sein Geld aus waren. Sie nutzten ihn aus, ohne dass er es bemerkte. Die „Freunde“ genossen mit dem Millionär einen hohen Spaßfaktor. Sie legten gute Laune und ein tolles Aussehen an den Tag und täuschten so den Wohlhabenden. Aber sobald dieser in einen finanziellen Engpass kam und in ein tiefes Loch fiel, ließen sie ihn fallen. Er nützte ihnen jetzt ja nichts mehr. Auch Madame Schleyer fällt durch ihre geldgierige Art auf. Sie ist stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und nutzt Männer aus. Hat sie eine vermeintlich bessere Partie in Aussicht, verlässt sie ihre Männer und hofft auf ein besseres Leben im Luxus. Sie verhält sich immerzu egoistisch und kann ihr Glück kaum glauben, als Lips sie heiraten möchte. Glücklicherweise gibt es aber auch ehrliche, gutmütige Menschen. Kathi, das Patenkind von Lips, ist eine reine Seele, sieht die inneren Werte von Herrn von Lips und profitiert nicht von seinem Reichtum. Sie verrichtet schwere körperliche Arbeit als Magd beim Pächter Krautkopf und sie ist die Einzige, die Lips uneigennützig hilft. Mir persönlich hat vor allem die Figur des Gluthammers sehr gut gefallen. Durch seine lustige Redeweise, seine Zuneigung zu Alkohol und leicht reizbare, aufbrausende Art macht ihn dies zu einer der besten Personen des Stücks. Als er mit seinen X-Beinen angestürmt kam, schallte Gelächter durch die gesamte Theaterhalle. Der Schlosser ist jedoch noch immer verbittert darüber, einen Tag vor der Hochzeit sitzen gelassen worden sein. Er ist geblendet von seiner Liebe zu Mathilde und glaubt sich im Recht, dass Mathilde ihn nicht verlassen habe, sondern entführt wurde. Ich fand die Szene besonders toll, in der Lips von seiner Zerrissenheit befreit wurde, als er existenzielle Probleme bekam und glaubte, er hätte jemanden umgebracht. Der Kapitalist hatte wieder eine Aufgabe, er musste sehen, wie er wieder zu seinem Geld kommt und überlebt. Obendrein hat mir das Bühnenbild sehr gut gefallen. Die Treppe war als Symbol des Auf- und Abstiegs gedacht. Die Darsteller standen entsprechend ihrem Status auf der jeweiligen Höhe der Treppe. Zu guter Letzt muss ich sagen, dass das Ende spitze war. Ich, als „Happy End-Fan“, war sehr froh, dass Lips und Kathi zum Schluss trotz aller Strapazen zusammengefunden haben. Aufgrund der verschiedenen Gesellschaftsschichten wären der Reiche und die Arme einander wahrscheinlich nie begegnet. Lips muss sich eingestehen, dass die Kathiliebe, die einzig ehrliche, aufrichtige Liebe ist.

Es wurde keine Primärliteratur verwendet.
Sekundärliteratur:
Theaterzettel zum Stück „Der Zerissene“, ausgehändigt von unserer Deutsch-Professorin Mag. Brigitte Schurmann am 17.10.2014
1http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zerrissene
eingesehen am: 25.10.2014 um 15:00 Uhr
2http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zerrissene
eingesehen am 25.10.2014 um 15:30 Uhr